Work/Life Balance
Ja, wie denn jetzt?
Von Esther Ugolini am 1. Februar 2008 um 11:24 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Hier, Jetzt, Zeit
“Work/Life Balance” ist in aller Munde. Super, der Modebegriff. Nur sieht die Realität ganz anders aus.

Nur Life-Balance. Den glücklichen Vorbehalten, die tun können, was sie wollen. (Bild: Michael Svoboda)
“Work/Life Balance”: über diesen dynamisch-flockigen Begriff, der in trendigem Neudeutsch die Vereinbarkeit von Privat-, Familien- und Berufsleben umschreibt, gibt es unzählige kluge Artikel, wohlmeinende Ratgeber-Bücher samt umfassender Checkliste (“haben Sie Ihre Balance im Griff?”) und sogar Seminare, in denen man geschicktes Zeitmanagement angeblich in wenigen Stunden lernen kann. Eine lohnende Investition für eine ausgeglichene Zukunft, vor allem für die ständig gestressten berufstätigen Mütter?
Meist sieht in der Realität alles etwas weniger flockig aus: Firmenschliessungen und Lohnkürzungen erschweren das gelassene Balancieren zwischen Beruf und Familie zuweilen erheblich, und wenn das Geld kaum noch für Miete und Krankenkassenprämie reicht, liegt ein Persönlichkeitsentwicklungs-Kurs für schlappe 800 Taler leider nicht drin.
Und damit nicht genug. Nicht erst seit uns Eva Hermann ihre zurück-an-den-Herd-Idylle um die Ohren gehauen hat, müssen sich Familienfrauen auch noch ganz andere Argumente gefallen lassen – auch wenn sie sich nach Kräften bemühen, das Gleichgewicht zu halten. Etwa auf Hochseilnummern wie diesen:
Liliane (36), Sozialhilfebezügerin seit vier Jahren und allein erziehende Mutter zweier Kinder, geht seit Jahren stundenweise putzen. Trotzdem muss sie sich vom Sozialamt vorwerfen lassen, sie brauche ihre Kinder als “Rechtfertigung fürs Zuhausebleiben”. Nicht nur die Tochter Samira (12), sondern auch Sohn Joel (8) könne sie, heisst es, doch durchaus auch mal tagsüber alleine lassen und so mehr arbeiten.
Diesen Rat hat Yasmin (46) bereits verinnerlicht. Sie arbeitet im selben Betrieb wie ihr Mann täglich von 7 bis 15 Uhr, Sohn Erkan (10) ist in der Mittagspause allein zu Hause. Meist isst er eine Pizza oder Chips und eine Banane – vor dem Fernseher. Die schulfreie Zeit vertreibt er sich ebenfalls vor der Glotze, zappt durch die Programme und sammelt Punkte in Videospielen. Irgendwann macht er dann einmal die Aufgaben. Seine Lehrerin findet, Erkan sei überspannt, unkonzentriert, frech und aggressiv und rät zu einer ADHS-Abklärung. Zudem stellt der Schularzt massives Übergewicht fest. Den Eltern wird nahe gelegt, sich doch mehr um den Jungen zu kümmern.
Thomas (41) arbeitet Teilzeit, seine Frau Sandra (42) voll – allerdings in einer Niedriglohnbranche. Die drei Kinder werden vom Vater betreut – er kann zuhause arbeiten. Bis in seiner Branche umstrukturiert wird. Per sofort hat Thomas, so die neue Weisung – im Büro zu erscheinen, andernfalls droht ihm die Kündigung. Wohin mit den Kindern? Auch subventionierte Krippenplätze zehren einen Grossteil des mageren Familieneinkommens auf. Zudem wollen Thomas und Claudia ihre Kinder nicht fremdbetreuen lassen, eigentlich. Bekannte meinen: “Das kann doch nicht so schwierig sein – schaden wird’s den Knirpsen schon nicht.”
Susanna (38), allein erziehend, hat eine Tochter (9) und arbeitet Teilzeit zu 80 Prozent. Seit es drei Monate alt ist, verbringt das Mädchen vier Wochentage in einer Kinderkrippe. Meistens hat Susanna deswegen ein schlechtes Gewissen – will sie ihre finanzielle Unabhängigkeit behalten, liegt aber eine Reduktion des Pensums nicht drin. Einzelne Freundinnen nähren die Schuldgefühle nach Kräften: “Wozu ein Kind”, tuscheln sie heimlich über Susanna, “wenn sie dann doch die Hälfte verpasst. Schliesslich kriegt sie Alimente.”
Mara (35) hat drei Kinder im Alter von einem bis sieben Jahren und weiss abends nicht, was sie eigentlich den ganzen Tag gemacht hat. Fix und fertig ist sie nichtsdestotrotz. Sie hat seit der Geburt des mittleren Kindes Depressionen und fühlt sich an manchen Tagen ihrem Alltag alles andere als gewachsen. Trotzdem möchte sie am liebsten zwei Tage pro Woche in ihrem Beruf als Verlagskauffrau arbeiten, nicht ausschliesslich Mutter sein, sondern daneben auch versierte Berufsfrau. Ihr Umfeld reagiert verständnislos auf diesen Wunsch: “Sie ist doch jetzt schon völlig am Anschlag”, heisst es, “wie will sie jetzt dazu noch arbeiten?”
Ja – was denn jetzt?
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