Roadmovie:
“FÜNFUNDACHTZIG CENT!”
Von Dorothee Vohl am 17. Januar 2008 um 15:09 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Jetzt
Wer von sich und seiner Laune ablenken will, schiebt die Verantwortung für seinen Gemütszustand meistens auf das Wetter. Und da das Wetter immer so ist, wie es gerade nun einmal ist, hat man Narrenfreiheit.
Sicher, ich habe den siebten Sinn, aber das ist hier gerade nicht mein Thema, weil ich selbst diese Tatsache ab und an vergesse – und das ist dann in der Tat mein Pech.
So wie neulich erst auf dem Postamt: Ich kann dieses Schlange stehen nur ertragen, indem ich mir meine eigenen „touché-Comics“ im Kopf zurecht bastle und dabei ruhig vor mich hinschmunzle.
Beim Anstehen habe ich dann auch rasch den Überblick über die aktuelle Gemütslage sämtlicher in Amt und Würden tätiger SchalterbeamtInnen. Bis ich endlich an der Reihe bin, weiß ich meistens ziemlich genau Bescheid wie mein Gegenüber derzeit drauf ist. Das ist immer wichtig, denn ich will mir nicht fahrlässig selber den Tag vermasseln und unnötige Reibereien verursachen.
Jetzt muss ich ausgerechnet zu diesem kleinen Mann mit den abgekauten Nägeln, der immer seinen Kopf leicht schräg hält und den Kunden niemals direkt ins Gesicht schaut. Mir ist klar, dass mit dem Mann irgendetwas nicht stimmt, und bislang habe ich mein Wissen um seinen Zustand immer so genutzt, dass ich ihn mit Samthandschuhen angepackt habe, kein Wort zu viel sprach und zusah, dass ich so rasch wie irgend möglich wieder hinaus auf die Straße kam.
Ich packe also ein großes Paket für meinen Sohn sowie eine Buchsendung für eine Freundin auf seine Schalterablage. Der Mann ist von einer Langsamkeit, dass ich touchés Spinnweben ohne jede Fantasie-Spritze wachsen sehe. Ich bemühe mich, den Mund zu halten und den Beamten nicht mit meiner konzentrierten Beobachtung zu irritieren.
Am Ende schiebt er mir den Kassenbeleg hin, und dem Moment muss mich wohl meine Konzentration verlassen haben, denn ich sage, mehr oder weniger in einem lauten Selbstgespräch, weil mir die gezahlte Summe doch ziemlich hoch erscheint, so vor mich hin: “Früher kosteten reine Buchsendungen ohne weiteren Inhalt 85 Cent. Wie viel kostete denn diese Sendung?” “FÜNFUNDACHTZIG CENT!” Der Mann schreit laut. Er keift mich derart wütend an, dass mir beinahe das Herz stehen bleibt. Plötzlich hat er kein Problem mehr damit, mir direkt in die Augen zu blicken, und ich erkenne seine nackte, eiskalte Wut. Herrje, dem Kleinen möchte ich aber nachts nicht begegnen.
Jetzt bloß nicht zu erkennen geben, dass ich ihn erkannt habe, denke ich – packe meinen Kram schnell wie ein Wiesel zusammen und verschwinde. O.K., sage ich mir draußen, während ich einen kräftigen Atemzug nehme, jetzt weiß ich wirklich Bescheid. Ich werde den Mann im Auge behalten
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