Tabu Abtreibung:
Abgebrochene Beziehungen
Von Dorothee Vohl am 9. Januar 2008 um 14:33 Uhr Kommentare (1)
Kategorien: Ich, Jetzt
Schwangerschaftsabbruch ist in der Legalität wie in der Illegalität eine Form der Verhütung - weltweit nehmen Abtreibungen von Mädchen zu. Der rumänische Film „4 Wochen – 3 Monate – 2 Wochen”zeigt, wie zeitlos komplex - juristisch wie individuell - der Schwangerschaftsabbruch ist.

Werbespruch mit drei Pünktchen für den Geschlechter-Frühtest “Pinkorblue”: “Schafft starke Familien…”
Schwanger schafft Probleme, jedenfalls, wenn die Schwangerschaft ungewollt ist. In den 70ger Jahren kittete der Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218 alle ideologischen Gruppen und Grüppchen der westdeutschen Frauenbewegung zusammen. Mein-Bauch-gehört-mir!-Aktionen wie die Outing-Kampagne „Wir haben abgetrieben!“ im Magazin „Stern“ von Prominenten und Allerweltsfrauen ebneten den Weg zur heutigen Fristenregelung.
Im Laufe der Jahre wog der Tabubruch für einige der Stern-Bekennerinnen (inklusive Alice Schwarzer) dann wohl doch zu schwer.
Allerdings muss in allen Fällen ein ärztliches Gutachten bestätigen, dass die Frau bei Fortbestehen der Schwangerschaft physischen oder psychischen Schaden nehmen könnte. Jüngst wurde nun in Barcelona ein Skandal an die Öffentlichkeit spült: Der peruanische Arzt Carlos Morín, seit 20 Jahren in Spanien tätig und Betreiber von vier Kliniken, wurde samt seiner Ehefrau, die als Krankenschwester in einer der Kliniken arbeitete, sowie sieben weiteren leitenden Ärzten aufgrund der Recherchen einer dänischen Journalistin verhaftet.
Undercover, mit einer versteckten Kamera versehen, deckte die Journalistin, die selbst in der 30. Schwangerschaftswoche war, die illegalen Praktiken von Carlos Morín auf. Als potentielle Patientin hatte sie bei Morín wegen der Abtreibung ihres gesunden Kindes angefragt.
Der Mediziner sah keinen Grund, ihrem vermeintlichen Wunsch nicht zu entsprechen. Das Herz des acht Monate alten Fötus sollte durch eine Giftinjektion zum Stillstand gebracht werden. So würden schließlich Wehen hervorgerufen werden, nach denen die Reporterin das tote Kind zur Welt bringen sollte. 4500 Euro sollte der Eingriff kosten. Moríns Häuser waren für zahlreiche Frauen auch aus anderen europäischen Ländern stark frequentierte Anlaufstellen. Anders als in den Unterlagen festgehalten, bekamen die Frauen oft keine psychologische Beratung. Abbrüche bis in den 8. Schwangerschaftsmonat waren keine Seltenheit. Die Entsorgungspraxis der Föten braucht hier nicht weiter ausgeführt zu werden.
Rosa oder Blau?
Deshalb sagten sie später, dass sie selbst niemals abgetrieben hätten, sondern diese Lüge, diesen Bluff für die gute Sache mitgetragen hätten, um den §218 zu kippen.
Die Fristenregelung wird in Europa verschieden gehandhabt. In Spanien wird eine im Vergleich zu anderen Ländern großzügige Fristenlösung praktiziert. Bis zur 24. Woche darf abgetrieben werden.
Dass weibliche Föten besonders in China und Indien gezielt abgetrieben werden, Mädchen als Babys oft getötet oder bewusst unterversorgt gelassen werden, was zu ihrem Tod führen soll, ist durch UN-Studien hinlänglich bekannt. In beiden Ländern ist die Geschlechterbalance bereits erheblich gestört. Aber auch in anderen Ländern wird dem männlichen Nachwuchs ein deutlicher Mehrwert zugeschrieben.
Nun könnte ein in Italien entwickeltes Frühtestverfahren (bereits ab der 6. Schwangerschaftswoche verwendbar), das von einer US-Amerikanischen Firma via Internet vertrieben wird, weiteren Wildwuchs beim bewussten Aussondern von weiblichen Föten bringen. Der Test ist mit rund 30 Euro erschwinglich. Die Laboranalyse kostet weitere 250 Euro, und das Untersuchungsergebnis kann später auf der Website der Firma abgerufen werden. Somit wäre im Fall eines missliebigen Geschlechts die Abtreibung des Fötus innerhalb der legalen Fristen problemlos einzuleiten. Missbrauch scheint hier programmiert.
Agonie
Der Film „4 Wochen – 3 Monate – 2 Wochen“ des rumänischen Regisseurs Christian Mungiu, der schon in der Kategorie der nichtenglischsprachigen Filme für einen Oscar nominiert ist, hat die Thematik Abtreibung schmerzlich eindringlich mit all ihren Dimensionen von Macht und Ohnmacht bebildert.
Der Film geht nicht nur unter die Haut, sondern dringt tief in die Seele ein. Einerlei, ob der Mensch nun weiblich oder männlich ist.
Vorheriger / nächster Artikel
|
<< Papierbündler: Die Rettung aus Holz |
Simone de Beauvoir: Freie Radikale im Sujektiv-Objekt-Verkehr >> |
Ein Kommentar
Gefährlich ists den Leu zu wecken,
Verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken
Das ist der Mensch in seinem Wahn.
Einen Kommentar schreiben
Hinweis: Wir sind sehr an einer offenen Diskussion interessiert, behalten uns aber vor, beleidigende Kommentare sowie solche, die offensichtlich zwecks Suchmaschinenoptimierung abgegeben werden, zu editieren oder zu löschen. Mehr dazu in unseren Kommentarregeln.








Hardy Villwock
schrieb am 9. Januar 2008, 22:58 Uhr (Permalink zum Kommentar)