Verwechseljahre:
Fremdgehen mit dem andern Ich
Von Dorothee Vohl am 2. Januar 2008 um 13:23 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Ich, Sein
Manchmal irrt man sich in der Uhr- oder Tageszeit, wenn man etwa mal nur kurz eingenickt ist und durch irgendein Geräusch geweckt wird. “Wer bin ich?” “Wo bin ich?” “Was ist passiert?” Richtig wuschig rennt man in der Wohnung umher.

Getragen vom Wind (Bild: Keystone / EPA, Orlando Barria)
Vielleicht ist auch noch dazu ein Fuß eingeschlafen, und dieses ameisige Kribbeln jagt durchs verschlafene Bein. Dann ist man quasi doppelt ausgeliefert und der Körper ist eine echte Folterkammer, ein Gefängnis. Aber ist er das nicht immer und sowieso?
Man ist darin eingesperrt, lebenslänglich. Muss ihn und sich selbst in ihm aushalten und ertragen, bis man irgendwann entlassen wird. Wie und wodurch auch immer. Und zwischendurch darf man noch miterleben, wie diese Mauern, dieser Leib immer mehr verschleißt, eine Ruine wird. Eine echte Tortour. Wem soll das dienen, dieses Älterwerden?
Dann gibt es da noch diesen ganz bestimmten Typus. Die oder der eine, will sicher und eventuell keinen Platz machen, will ewig leben, will dieses Dasein immer noch weiter auskosten. Kann schon sein, dass dieser Menschentyp gar nicht so selten anzutreffen ist und immer häufiger vorkommt heutzutage. Das sind einfach die unnützen Idioten.
Andererseits gibt es am Altern noch diese vertrackten Wechseljahre, diese Marksteine, die wie eine Brandmauer die Jugend und das Alter von einander trennen.
Lange Jahre des Übergangs, die man nicht so einfach übergehen und hinter sich lassen kann, wie man möchte. Zeiten, die einen zeichnen, zum Beispiel, weil man als Frau nun die absolute Gewissheit hat, dass es vorbei ist mit dem Kinderkriegen und der Fruchtbarkeit. Wie weggeblasen diese allmonatliche Angst vor der Gefahr des immer dicker werdenden Bauches und seinen Folgen.
Vielleicht wird der Bauch ja auch ganz von allein dicker und dicker, ganz ohne Blähungen und zu viel Kalorien. Scheiße! Kann sein, dass sich der Körper völlig verformt und verändert. Dass man sich selbst mit jemandem anderen verwechselt, wie ausgewechselt ist und jeder Sinn einen neuen, anderen Geschmack und Eindruck bekommt und macht. Man versteht sich selbst und Welt nicht mehr.
Umgekehrt ist es genauso. Vielleicht führt man ja über Jahre hinweg ein Parallelleben, tut Dinge, die nicht zu einem passen und die man bei jemanden anderen ablehnen und bekämpfen würde, jedoch jetzt führt man den Kampf nur mit und gegen sich selbst und das Ganze ohne jede Reserven. Keine Kraft.
Und so lässt man denn alles laufen, wie es läuft, verläuft sich selbst eventuell. Versteigt sich in Ideen und Verhaltensweisen, bis man ganz beschämt dasteht, wenn man irgendwann einmal neben sich steht und sich im Spiegel betrachtet und erkennt, dass man sich selber fremdgeworden ist, weil man fremd gegangen ist mit dieser anderen Personen, die man doch selber ist.
Dieses Wesen, das einem doch so gar nicht passt und zusagt, auch wenn es noch so viel sagen hat, aber man kennt doch all diese Argumente aus dem EffEff, ist ja immer und regelmäßig in ein- und derselben Haut, wenn sich dieses fremde, befremde Ich da durchbeißt durch das eigene Leben.
Die Zeit wird immer knapper und knapper, und irgendwann ist klar, dass wenn man dieses andere Wesen nicht endlich wieder los wird, bald Sense sein wird und es den Rest deines Lebens deinen Platz ausfüllen wird und du nur noch die Klappe halten und dich verziehen kannst. Aber das wäre unverzeihlich von dir, denn du hast schon längst kapiert, dass diese Verwechslung dir eine Lektion erteilen soll, muss und hat. Du bist immer noch du selbst und kriegst es auch auf die Reihe, wieder die Zügel über deine Leben in deine Hände zu nehmen und diesem Wesen den Platz hinter deiner Schulter als deinen Schatten, der es ja ist, zuzuweisen. Da mag dieser Wesenszug dann wieder sein Schattendasein führen, kann neben dir Platz nehmen und dich aus der Distanz betrachten.
Nach dieser Exkursion weißt du endlich ganz genau über dich selbst Bescheid. Niemand kann dir diese Erkenntnisse mehr nehmen. Niemand. Und dieser Schatten, auch wenn du es selbst ebenfalls bist, dieses Schwarze, dieser Flecken und diese Verunreinigungen, sie haben ganz und gar nicht auf dich abgefärbt, selbst wenn du Farbe bekennst. Es ist nur, dass du diesen Farbton mit in deine eigene Farbskala aufgenommen hast. Mögen doch alle sagen, was sie wollen. Du weißt genau Bescheid, lässt dir nichts einreden. Es gibt keine Verwechslung mehr. Dem Alter, dem kannst du jetzt in aller Ruhe und mit Gelassenheit entgegensehen und -gehen. Du entkommst ihm sowieso nicht, das ist klar. Aber ein Schattendasein zu führen ist deshalb noch lange nicht Teil deines Plans. Dann pfeifst du eben auf die Jugend und betrachtest diese Handvoll Jahre der Wechseljahre als deine zweite Schulzeit, die dich in die wahren Klassen geführt haben.
Nur dass die Prüfung pausenlos stattfand. Du aber bist durchgekommen, hast bestanden und nun bist du mit allem einverstanden und führst dich nicht mehr auf, sondern traust dich und dir allerhand zu. Das wirst du schon noch beweisen!
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