Shakira-Vorsätze 2008:
Speckrolle vorwärts

Von Nathalie Sassine am 2. Januar 2008 um 08:08 Uhr Kommentare (4)
Kategorien: Ich, Schein, Sein

Shakiras hüfteschwingenden Auftritten und der Festtagsschlemmerei verdanken die Tanzschulen die steigende Nachfrage nach “Bollywood-Tanz-Stunden”. Sie werben mit dem Angebot „Dance like Shakira – Bollywood-Style“: Glitzer, Klimper, Hüftwackeln.

Shakira Hüften Bollywood Tanzen Sängerin Kolumbien
Shakira schwingt die Hüften wie keine andere. Mit dem Bauch darf sie das.
(Bild: Keystone/Mario Guzman)

Was also ist Tanzen Bollywood-Style, angeblich das Markenzeichen von Shakira? Fangen wir bei der Kleidung an. Möglichst bunt, möglichst viel Glitzer und möglichst wenig Stoff um Bauch und Hüfte. Denn die muss man sehen. Bei diesem Tanzstil geht es nämlich vorwiegend darum, die Hüften zu kreisen und in Stakkato-Bewegungen das Becken vor und zurück bzw. hin und her zu schieben. Klingt kompliziert? Ist es auch!

Da ich mich gerne von Trends verführen lasse und sowieso wieder einmal etwas für die Fitness tun will, wage ich mich an den „Shakira-Bollywood-Tanzkurs“ heran und melde mich für einen eintägigen Workshop an.

Hips don’t lie
Samstag morgen, neun Uhr (!) in einem hippen Stadtzürcher Fitnesscenter. Es fängt schon damit an, dass ich offensichtlich das falsche Outfit trage. Die anwesenden Damen (und ein Herr, kein Witz!) müssen alle in ihrer Fastnachtskiste gekramt haben:

Diese leichten, glitzrigen Stöffchen, die sie um ihre mehr oder minder ansehnlichen Körper (dazu komme ich später) gewickelt haben, entstammen unmöglich aus einem mitteleuropäischen Kleiderschrank.

Noch etwas schlaftrunken suche ich mir ein Plätzchen ganz hinten im Raum, von wo ich ausser meinem linken Arm und meinem linken Ohr nichts von mir im Spiegel sehen kann. Im Verlauf des Tages wird mir dieser Umstand ganz gelegen kommen. Und da kommt SIE: unsere Tanzlehrerin. Die Person, die uns während sieben Stunden den Hüftschwung von Shakira beibringen wird. Sie als auffallend zu bezeichnen, wäre untertrieben. Schrill trifft es wohl eher. Blond gefärbte, lange Haare, die sie mit jeder Kopfbewegung à la Baywatch von rechts nach links und zurück schwingt. Eingehüllt in pink und gold, mit Kettchen und klingenden Amuletten wohin das Auge reicht. Wow! Diese Frau am Ufer des Ganges, mit einer Schar Tänzer, nach einem schönen indischen Darsteller schmachtend… Ich bin in Bollywood!

Fangen wir an. Sheherazade (ich weiss, aber ein besserer Vergleich fällt mir gerade nicht ein) büsst etwas von ihrer Märchenerscheinung ein, als sie sich ein schnurloses Mikrophon aufsetzt und uns mit Pieps-Stimme anspornt „Aufstellen! Beine hüftbreit, Po und Bauch einziehen, los geht’s!“

Interessante Taktik. Wir werden ins kalte Wasser geworfen und müssen jetzt schwimmen. Sheherazade legt los, und wie! Sie schüttelt und rüttelt ihr Becken und schwingt und kreist ihre Hüften als gäbe es kein Morgen. Ich muss zugeben, es sieht fantastisch aus. Es stimmt ausnahmslos alles und ich verstehe plötzlich, was Shakiras Song-Titel „Hips don’t lie“ bedeuten soll. Hüften lügen nicht, sie sind ehrlich sexy, ehrlich erotisch und ehrlich… unmöglich nachzuahmen! Ich schaue mich um und stelle erleichtert fest, dass es vielen anderen Frauen (und dem mittlerweile sehr unmännlich wirkenden Mann) genauso geht wie mir. Sie sehen aus, als hätten sie eine Ladung Strom durch ihren Körper gekriegt und würden sich langsam taumelnd davon erholen.

Underneath your clothes
Apropos Körper, dazu wollte ich doch noch kommen. Mir ist ja bewusst, dass für den orientalischen Bauchtanz weibliche Rundungen nicht schaden können. Aber Shakira oder eben diese tollen indischen Bollywood-Darstellerinnen, die sind eben nicht mollig. Nirgends! Deshalb scheint mir, gewisse Tanzkolleginnen hier müssen die Kurse verwechselt haben. Nehmen wir zum Beispiel meine Platznachbarin: Mitte 40, „praktischer“ Kurzhaarschnitt, graue Leggings, die zu ihren besten Zeiten schwarz gewesen sein müssen. Darüber trägt sie einen himmelblauen Tüll, der so weit entfernt von Indien ist wie Ennetbaden von Venice Beach. Und: die Rundungen sind in ihrem Fall ausgereifter Hüftspeck. Dieser befindet sich jedoch nicht nur an ihren Hüften, sondern auch an Oberschenkeln, Armen und Hals. Ihre Versuche, den Shakira-Hüftschwung nachzuahmen, erinnert entsprechend an einen Wackelpudding am Kindergeburtstag. Aber die Begeisterung, die sie dabei aufbringt, lässt mich vor Neid erblassen. Wie gerne wäre ich so selbstbewusst wie Miss Speckrolle. Denn auch meine Hüfte ist kein von Haut überzogener Knochen. Ich schäme mich also bei jeder Nord-Süd und Ost-West-Bewegung, denn ich bin überzeugt, dass jeder das leise Schwabbeln meines erhöhten BMI hören kann. Schwapp-schwapp, schwapp-schwapp…

Gestern hörte ich im Radio Shakiras Song „Illegal“ feat. Carlos Santana. Darin kommt diese Zeile vor: „You don’t know the meaning of the words I’m sorry“. Liebe Shakira, ich kenne die Bedeutung von „I’m sorry“ und möchte mich deshalb hiermit bei dir entschuldigen. Für unsere kläglichen Versuche, dich nachzuahmen. Für unsere Frechheit, dein Markenzeichen zu kopieren. Und dafür, dass deine Songs in Wackelkursen für tülltragende Mittvierzigerinnen missbraucht werden. Das sollte wirklich „illegal“ sein!



Vorheriger / nächster Artikel

<< >>


4 Kommentare

Sofie

Mein Tanz-Vorsatz 2008: mich an die Standardtänze zu wagen und meinen Mann dazu überreden das Ganze mitzumachen. Für Tipps wie ich Mann ins Tanzstudio bringe, bin ich äussert aufgeschlossen!!! Einen guten Grund habe ich sogar: Meine beste Freundin heiratet dieses Jahr und da will ich tanztechnisch eine gute Figur machen.


Annett Altvater

@ sofie: Don’t! Lass deinen Mann wo er ist und schlepp ihn nicht in Tanzstunden, wenn dir deine Ehe was bedeutet. Das gibt nur Ärger, wie mir Pärchen glaubhaft versichert haben, die ähnliches versuchten.
Denn Männer müssen beim Tanzen viel mehr lernen als Frauen, die sich gemütlich führen lassen können. Das führt zu Frust bei den Frauen und Streit mit dem Mann, der sich wie ein Tollpatsch und noch dazu ungerecht behandelt vorkommt. Streite lieber mit irgendeinem Heini, der dir egal ist und pfeif auf die gute Figur – es sei denn, dein Mann liebt Standardtänze.


Dorothee Vohl

Nathalie-Shakira, Bollywood oder Hollywood – vergiss doch mal einfach die fremden Bilder in deinem Kopf. Ich dachte, du wolltest dir mal was Gutes tun, denn lass doch jeder und jedem sein Fett, denn das ist doch eh nicht deine Problemzone – oder?


Wolf-Dieter Roth

Ui, Männer-Bierbauchtanz, das wäre doch mal eine neue Volks-Sportart… :o)


Leseservice

Kontakt

RSS-Feed, was ist das? Artikel 1x täglich per Mail:

E-Mail-Adresse eingeben:

Unsere Blogs

Über Blogwerk