Von der Rolle:
Platzverweis
Von Dorothee Vohl am 22. Dezember 2007 um 09:07 Uhr Kommentare (2)
Kategorien: Sein
Ich glaube, meinen ersten Platzverweis bekam ich gleich mit meiner Geburt. Ich war ein Mädchen und nicht der Junge, der in Abrahams Wurstküche bestellt worden war.
Dann stellte sich auch schon recht schnell heraus, dass ich nicht einmal kapieren wollte, dass ich eine falsche Bestellung war und einfach nicht einsehen wollte, dass mit mir etwas nicht richtig war. Ich führte mich ganz und gar nicht wie ein Mädchen auf, nein, ganz und gar nicht, denn ich führte mich auf, war wild und sprühte nur so vor Energie und Temperament. So kam es, dass der Satz, den ich am häufigsten in meinen ersten Lebensjahren hörte, lautete: „Das geht nicht! Dafür fehlt dir ein Stück!“ `Komisch!`, dachte ich mir. `Da soll mir ein Stück fehlen und ich bin doch aller Welt zu viel!`
In der Schule war ich viele Jahre lang das einzige Mädchen mit langen Haaren. Das entsprach nicht der damaligen Mode, aber mein Vater war wohl der Meinung, dass ich nur so mit einer Mähne wirklich ein Mädchen wäre und meine Mutter liebte es, mich damit zu quälen, mir allerlei abstruse Frisuren auf den Kopf zu werkeln und Haarnadeln in meine Kopfhaut zu jagen. In der Schule hatte ich ein Abonnement auf die Rolle der Maria beim Krippenspiel und die Jungen machten nichts lieber als ständig meine Haare zu berühren oder daran zu ziehen. Das machte mich sehr wütend und ich ging keiner Keilerei aus dem Wege.
Eines Tages, ich war circa zehn Jahre alt, hatte ich diesen Zirkus satt und ging zu dem Friseur, den auch der Rest meiner liebenswerten Familie regelmäßig aufsuchte. Natürlich hatte ich kein Geld, aber genügend Fantasie. „Bitte ganz kurz schneiden. Mein Vater bezahlt später!“ Da auch ich in dem Laden bekannt war, erledigte man meinen Wunsch wortgetreu.
Von diesem Tag an war ich für meinen Vater erledigt. Er hatte für mich keinen Platz mehr in seinem Leben. Er war sich sicher, dass es mit mir ewig so weiter gehen und ich mich niemals ändern würde! Da hatte er tatsächlich recht, mein alter Herr! Denn, den Zahnarzt, den er mir später zum Heiraten aussuchte, schickte ich dahin, wo ich fand, dass dieser Langeweiler passte: in die Wüste! Platzverweis eben!
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2 Kommentare
Oh, eine hammerharte Sache. Mich würde nun noch interessieren, was aus diesem burschikosen Mädchen geworden ist? Hat sie nun langes Haar, manikürte Fingernägel und Manolos an den Füssen? Oder blieb sie sich treu? Mir gefällt die Geschichte, obwohl sie ja eigentlich nicht so erfreulich ist (v. a. für das Mädchen). Aber ich war ähnlich - ich war viel ein “besserer” Junge als manch einer, welcher eben mit diesem bestimmten Ding bestückt war…
Und, wie haben SIE nun Ihr Leben weiter gestaltet?
greez
k
Dorothee Vohl
schrieb am 23. Dezember 2007, 17:46 Uhr (Permalink zum Kommentar)Hallo Kramb,
Da dieser fiktive Gedankensplitter kein 1 zu 1 biographischer Ableger ist, kann ich Deine Frage wohl nicht zu Deiner Zufriedenheit beantworten.
Ich bin mir allerdings gewiss, selbst wenn ich das Geschehen weiter und ausführlicher abgespult hätte, wäre niemals aus dieser Pippi eine Püppi geworden.
Dorothee

Kramb
schrieb am 23. Dezember 2007, 12:58 Uhr (Permalink zum Kommentar)