Kufia, das Palästinenser-Tuch:
Belastete Geschichte
Von Camilla John am 13. Dezember 2007 um 10:35 Uhr Kommentare (4)
Kategorien: Macht, Schein
Für 6,90 Euro kriegst du ein Palistinensertuch - und ein Stück Geschichte mit politischer Botschaft. Aber willst du das überhaupt? Das Kult-Tuch erlebt derzeit eine Renaissance.
Viele tragen es als Schal, erst zu einem Dreieck gefaltet, im Nacken gekreuzt, dann umgeschlungen. Die Farben haben sich weiterentwickelt, das klassische schwarz-weiß wird von lila, gelb und pink abgelöst. Das Muster bleibt.
Und es transportiert eine politische Botschaft, von der die meisten 13-Jährigen nichts ahnen. Sie schmücken sich mit dem Modeaccessoire, das sie an einem der unzähligen Weihnachtsmarktstände gekauft haben. Ein „Pali“ ist eben gerade in.
Doch dieses In-Teil hat eine Bedeutung, eine politische Symbolkraft, und wenn man diese kennt, so möchte man lieber wieder Omas Selbstgestricktes zum Wärmen tragen.
Das Palästinensertuch heißt eigentlich Kefiya oder Kufia und wurde ursprünglich in arabischen Ländern als Kopfbedeckung gegen die Hitze und Staub getragen. 1936, während der palästinensisch-arabischen Nationalbewegung unter Führung des Muftis Amin al-Husseinis, zwang dieser die Bevölkerung von Jerusalem zum Tragen dieses Tuchs: Auf diese Weise wollte er Vereinheitlichung der Muslime schaffen, Individualität unterdrücken und sein auch äußerlich gleiches Volk abgrenzen; gegen den Westen, in diesem Zusammenhang besonders gegen die USA und Israel.
Der Kampf der Islamisten gegen die Juden manifestierte sich mitunter durch das umgeschlungene Palästinensertuch. Beihilfe fand der Großmufti al-Husseinis bei den deutschen Nationalsozialisten, die ihn finanziell unterstützten.
Die Bestrebungen einer Homogenisierung von Menschen einer Glaubensrichtung gipfeln heute in Selbstmordattentaten, die als märtyrerisches Opfer für die Gemeinschaft angesehen werden. Noch immer wird das Streben nach Individualität, Vergnügen oder sexueller Freiheit verfolgt, Emanzipationsregungen von Frauen im Keim erdrückt.
In Deutschland kam das Palästinensertuch Ende der 1960er Jahre in Mode: Es galt zuerst als Symbol des linken, antiamerikanischen Widerstands und wurde von Aktivisten des Studentenprotests, die von den Ausbildungslagern der PLO unter der Führung Jassir Arafats zurückkehrten, als Erkennungszeichen importiert. Die schnell aufgestellte Gleichung lautete: Israel = USA = Imperialismus und damit bekämpfenswert.
Widerstand galt als cool und hip, als Emanzipierung oder einfach auch: Dagegen sein. Gegen den Bau von Atomkraftwerken, gegen das Establishment, die USA, dagegen eben. Dass das Pali-Tuch auch ein Symbol gegen den Staat Israel ist, war wohl wenigen bewusst.
Mittlerweile wird dieses beladene Tuch auch in der Neonaziszene getragen, die Rechtsradikalen haben es als antisemitisches Accessoire etabliert. Tragen es auf Demonstrationen und Kundgebungen. Damit können sie sich praktisch vermummen, leicht verstecken. Auch wenn es das Palästinenser-Tuch seit Neustem mit Pistolen oder Schmetterlings-Muster gibt, fein gewebt in Kaschmir und mit abgewandelten Ornamenten – die Geschichte ist nicht zu verfremden.
Für die meisten Fashionistas sind diese Hintergründe nicht bekannt, sie wissen nicht viel über den Bedeutungswandel, die schauderliche Geschichte, die vielen Toten, die damit einher gehen. Sie tragen das Pali wie die Bommelmütze oder Röhrenjeans. Beides ohne politische Aussage - im Gegensatz zum schwarzweissen Wickeltuch.
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4 Kommentare
gut geschrieben.
LeoW
schrieb am 24. April 2008, 13:25 Uhr (Permalink zum Kommentar)Seltsamerweise gab es Israel 1936 noch gar nicht…
Peter Sennhauser
schrieb am 25. April 2008, 12:06 Uhr (Permalink zum Kommentar)Naja, so seltsam ist das nicht - aber seltsam, dass es da drin steht und noch niemand den Fehler bemerkt hat. Danke für den Hinweis…
Neu!
schrieb am 2. Mai 2008, 16:50 Uhr (Permalink zum Kommentar)es gab allerdings schon eine menge jüdische siedler die sich in unbewohnten landstrichen palästinas niederließen.
außerdem gibt es den zionismus auch schon wesentlich länger.
genauso wie es den staat israel eigentlich auch schon länger gibt, nur dass die israeliten lange zeit vor der 2ten staatsgründung aus ihrem alten staat vertrieben wurden und sich bekanntlich in die ganze welt verstreut haben.

zana
schrieb am 14. April 2008, 11:03 Uhr (Permalink zum Kommentar)