Weihnächtliches Schenken:
Eine Familie steigt aus

Von Esther Ugolini am 12. Dezember 2007 um 14:12 Uhr Kommentare (2)
Kategorien: Schein

Geschenkeberge unter dem Weihnachtsbaum und jedes Jahr mehr Plastikspielzeug im Kinderzimmer - davon hatte Familie Jenzer plötzlich genug. Bei ihnen wird die Flut an Weihnachtspräsenten heute kurzerhand umgeleitet.

weihnachtsgeschenk geschenkerummel
Wunschtaler statt Geschenkberge. (Foto: Keystone / Walter Bieri)

Jenzers* haben die Weihnachtsgeschenke abgeschafft. Fast jedenfalls. Seit drei Jahren gibt es bei der fünfköpfigen Familie zwar einen festlich geschmückten Tannenbaum - aber ohne den obligaten Geschenkeberg darunter.

Denn dieser wuchs Tamara Jenzer (36) buchstäblich über den Kopf: “Vor allem die Kinder wurden von der Flut an Geschenken jedes Jahr mehr überfordert”, erklärt die Mutter von Lara (7), Nils (9) und Joren (13). Denn von Grosseltern, Paten, Freunden und Bekannten kommt geschenkemässig ganz schön etwas zusammen - und statt zu pädagogisch Sinnreichem neigen die Kinder tendenziell eher zu Wünschen aus der Barbie- oder Pokemon-Liga. “Wir sind keine Holzspielzeugfanatiker”, betont Tamara, “aber der viele bunte Kunststoffschrott in den Spielzimmern unserer Kinder nach Weihnachten hat uns jedes Jahr mehr genervt.”

Zusammen mit ihrem Mann Martin (41) zog sie die Notbremse. Die beiden planten die Weihnachtsverweigerung 2004 minutiös. Die grösste Hürde waren - wie sollte es anders sein - die Kinder. Keine Geschenke? Doch. Aber nicht alle an einem einzigen Tag. Die Kinder sollten von jedem der regelmässig Schenkenden bunte Wunschtaler zu Weihnachten erhalten, die sie verteilt übers Jahr einlösen könnten. Auf diese Weise, hofften die Eltern, würde der konzentrierte Geschenkerummel ausbleiben und Weihnachten vom Konsumrausch entlastet.

Drei Wochen vor dem Heiligen Abend luden die Jenzers Grosseltern, Paten und Freunde zu einem festlichen Nachtessen ein und als die Stimmung am fröhlichsten war, verkündete Martin Jenzer die neuen Familienpläne: “Wir wünschen uns zu Weihnachten keine Geschenke mehr”, sagte er in die Runde - und erntete betretenes Schweigen. “Wir dürfen unseren Enkeln also keine Freude mehr machen”, habe einer der beiden Opas konsterniert gemurmelt, erinnert sich Martin, und eine Patin habe später - leider allzu offenkundig - im Bekanntenkreis ihr Missfallen am Jenzerschen Weihnachtskonzept bekundet.

Die Wogen haben sich ionzwischen geglättet. Und unter dem Weihnachtsbaum der Familie türmen sich tatsächlich keine weihnachtlich verpackten Präsente mehr. Obwohl - ganz ohne geht’s nicht: Joren fand als erster heraus, dass er sich einige seiner Wunschtaler aufsparen könnte - für Weihnachten nämlich. Bewährt hat sich das Konzept trotzdem, findet Tamara Jenzer - zumal jetzt auch die Grosseltern begeistert die Wunschtaler-Wünsche erfüllen. “Die Kinder lassen ihre Wünsche wachsen und geben nicht mehr jedem Impuls nach”, erklärt sie. Plastik muss es trotzdem manchmal sein: Lara wünschte sich bereits im September eine Bratz Princess-Puppe. Glühend.

*Namen geändert



Vorheriger / nächster Artikel

<< Wie bereite ich mein Kind aufs Leben vor?
Der gute Rat
Downtime von 16.00 bis 16.15 Uhr
Blogwerk-Blogs voraussichtlich
15 Minuten lang offline
>>


2 Kommentare

Sofie

Finde ich super. So wird dem Konsumdenken gegengesteuert und es geht nicht nur drum “ich muss haben”. Die Kinder sollten schon früh lernen sich mit Ihren Wünsche auseinanderzusetzen: “was möchte ich wirklich?” Das hilft dann auch sich später besser zu überlegen “was will ich mit meinem Leben anfangen?”


Kramb

toll - chapeau! wir müssen wohl nach weihnachten anbauen, damit wir all die neuen spielsachen irgendwo noch verstauen können ;o)


Leseservice

Kontakt

RSS-Feed, was ist das? Artikel 1x täglich per Mail:

E-Mail-Adresse eingeben:

Unsere Blogs

Über Blogwerk