Toilettenkultur in Japan
Mit der Prinzessin auf s Klo

Von Ruth Bossart am 11. Dezember 2007 um 10:56 Uhr Kommentare (13)
Kategorien: Sein

In Japan ist Sauberkeit oberstes Gebot. Kein Strassendreck, kein Schweissgeruch, dafür Plastikmäntelchen für nasse Schirme und Pantoffeln im Hochgeschwindigkeitszug. Auch die WCs sind Tempel der Hygiene und Reinheit.

otohime
Otohime maskiert Unschickliches (metropolis).

Einheimische begründen diesen Sauberkeitsfimmel im Land der aufgehenden Sonne mit der ehemaligen Staatsreligion Nippons, dem Shintoismus, der stark auf der Idee der physischen und spirituellen Reinheit basiere. Nachvollziehbar also, dass Japanerinnen und Japanern deftiger Gestank und verschmutzte Schüsseln im Innersten zuwider sind.

Die Sensibilität geht so weit, dass schon die Vorstellung unreinlicher Handlungen drückend ist - insbesondere auf öffentlichen Damenaborten:

Der Schall eines Furzes oder das Geräusch beim Wasserlassen kann in Japan niemandem zugemutet werden - weder der Frau in einer benachbarten WC-Kabine noch sich selber.

Während in vordigitaler Zeit deshalb die Spülung bereits beim Betreten des Örtchens betätigt wurde, um dann im Schutze des Rauschens seine Notdurft zu erledigen, greift man heute auf umweltschonendere Methoden zurück: auf die Klänge von “Otohime”, so heisst ein caramellbraunes Toiletten-Geräusch-Kästchen, meist neben dem WC-Papierhalter angeschraubt. Otohime bedeutet Prinzessin auf Deutsch. Streicht man mit dem Finger über Otohimes Sensor, plätschert sie los.

Maskieren mit digitalem Rauschen

Die meisten Geräte ahmen einen tosenden Wasserfall nach und verunmöglichen so jegliches Gehörtwerden der unschicklichen Geräusche. So kommt es, dass die erstaunte Nichtjapanerin eine blitzblanke Toilettenanlage betritt und sich nahe einem tobenden Sturzbach wähnt.

Diese prinzessiale Geräuschkulisse verhindert auch, dass sich die der Landessitten Unkundigen über die WC-Häuschen hinweg unterhalten würden. Ein weiteres Tabu übrigens. Es gilt als ausgesprochen unhöflich, frau bei ihrem Geschäft auch nur mit Small Talk zu belästigen. Und eine Antwort zu erwarten erst recht.

Rauschkonzert oder Schubert

Das erste digitale Spühl-Geräusch-Gerät brachte die Sanitärfirma Toto 1985 auf den Markt. Heute schallen Otohime und Kopien davon millionenfach und landesweit an stillen Örtchen - in Mädchen-Schulklos, zu Hause und in öffentlichen Damen-Toiletten, um die schmutzigen Geräusche vom digitalen Geplätscher wegschwemmen zu lassen.

Findige Geschäftsleute im Toilettenfach glauben nun erkannt zu haben, dass Prinzessins eintöniges Rauschkonzert Frauen langweile. Der japanische Toilettenhersteller Inax hat darum eine Schüssel mit eingebauten Geräuschübertöner und Lautsprechern entwickelt.

So hupt einem nun bei Modell Satis D218S - so bald sich die Toilettengängerin der Schüssel nähert - ein Trompetenkonzert von Händel oder die Unvollendete von Schubert entgegen. Wer s Natürlich mag, hat die Wahl zwischen viererlei Wasserrauschen - Und: Auch “Otohime”, die Prinzessin, ist wieder programmiert.



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13 Kommentare

Christine Donald

Vom Winde verweht. Eine amüsante Story, die mich bestimmt in Zukunft auf so manchem öffentlichen, stillen Örtchen begleiten wird.


nff

…. und dann gilt es noch zu erwähnen, dass alle Toilettenbrillen geheizt sind!


Ruth Bossart

@NFF: ja genau plus die einstellbaren wasch-/sprühmöglichkeiten, je nach geschlecht in unterschiedlicher ausführung wählbar….und die meist automatische öffnung des deckels resp. das selbsttätige spülen….. japanische washlets sind echte alleskönner!

übrigens: die wohligwarmen toilettenbrillen vermisse ich gerade heute bei diesem s….wetter besonders. … obwohl: zu beginn war dieses feature recht gewöhnungsbedürftig.


Florian Steglich

Wasserfallrauschen finde ich super, aber wie soll denn das klingen, wenn aus mehreren Kabinen nebeneinander unterschiedliche Händel-Sätze tönen? Oder spielen alle immer dieselbe Stelle ab?


Ruth Bossart

@florian - in der tat, wird NICHT immer die gleiche stelle abgespielt. das nennt man dann kak(o)phonie…. :)


wonderwomen

und um nicht gestört zu werden von den phonien der Nachbarin, gibt es bestimmt eine Toilettenoase - vielleicht mit einem ipod klinke um seinen apple oder mp3 player zu verlinken - wäre dann individueller diese werden dann über Lautsprecher übertragen - wie sieht es dann bei den Männern aus ? Gibt es da Urinrinnen uberhaupt ?


Ruth Bossart

tja, auf den männerklos habe ich mich natürlich nicht herumgetrieben. aus sicherer quelle weiss ich aber, dass dort die toiletten nicht weniger raffiniert sind (..von wegen urin-rinnen….), jedoch die rauschkonzerte eindeutig seltener aus den kabinen dröhnen. der grund: auf den männerklos gibt s weit weniger “prinzessinen”.


Wolf-Dieter Roth

Auf Männerklos gibt es auch Hightech-Tarngeräusche:

http://triggur.org/robodump/

(Kann man einer das Fenster öffnen?)


mds

Ich frage mich jeweils, was die japanischen Touristen denken, wenn die Toiletten an den für sie typischen Schweizer Sehenswürdigkeiten aufsuchen müssen … ich muss unbedingt mal jemanden fragen, vermutlich erinnert man sich an tolle Berglandschaften und steinzeitliche Toiletten …!?


Ruth Bossart

@mds: ja, das kann gut sein. als ich nach ein paar jährchen japan in die schweiz zurück kam, erschienen mir nicht nur die toiletten schmudlig… übrigens: kürzlich wurde die schmutzigste toilette in der schweiz erkürt: es war dies der abort am luzerner löwendenkmal - ein sehr touristischer ort. begründung des wc-managers: die carchauffeure seien schuld, sie würden ihre gäste auf diese toiletten hinweisen. “die toiletten sind überfordert”, meinte er gegenüber der neuen luzerner zeitung (22.11.07). man überlege sich, die anlagen zu schliessen….. fragt sich, wer da wohl überfordert ist…


mds

@Ruth Bossart: Wieso eigentlich erreichen wir in vielen Dingen nicht den japanischen Standard? Preislich können wir ja durchaus mithalten …


mds

Nebenbei: Hightech-Toiletten birgen auch Gefahren …

Japanese manufacturer Toto apologizes to customers and offers free repairs for 180,000 high-tech toilets - thrones that feature heated seats, air purifiers, blow dryers, and water sprayers - after at least three catch fire. “Fortunately nobody was using the toilets when the fire broke out,” says a company spokesman. “The fire would have been just under your buttocks.”

(via http://money.cnn.com/galleries/2007/fortune/0712/gallery.101_dumbest.fortune/7.html)

;)


Wolf-Dieter Roth

Ich finde den Gedanken eines derartigen “elektrischen Stuhls” ohnehin irritierend. Und es erinnert mich an diesen Witz über die japanische Damen-Flugzeugtoilette (http://www.witz-des-tages.de/jokes.php?joke_id=825)


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