Sexuelle Belästigung
Der Flurprozess
Von Camilla John am 7. Dezember 2007 um 14:03 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Macht, Sein

(Foto: Keystone)
Sie kam allein. Ihren kleinen Sohn an der Hand. Zusammen setzten sie sich, um zu warten. Es muss eine Ewigkeit gewesen sein, so lang kam es ihr vor. Wie aus einer Starre erwacht, erhebt sich die gedrungene Frau von der Holzbank, auf der sie die vergangene Stunde fast reglos ausgeharrt hat. Nervös beobachtet Karin Wilmer die dunkelbraune Tür des Sitzungssaals R. 292 im Hamburger Landgericht, durch die sie hätte gehen müssen, wenn sie aufgerufen worden wäre.
Seit neun Uhr am Morgen wartet Wilmer auf ihren Auftritt vor der Richterin Annekatrin Paul, sie ist Zeugin in einem Prozess. Es geht um Erwin Steinbach, einen ehemaligen Kollegen der 39-Jährigen Reinigungsfachkraft aus Hamburg. Fünf Tage lang hatte der 55 Jahre alte Fassadenreiniger Wilmer belästigt, sie mit sexuellen Sprüchen bedrängt.
“‘Ich hab’ 26 Zentimeter in der Hose, komm mit auf die Toilette, dann können wir richtig Spaß haben’, das hat er immer wieder gesagt”, erinnert sich die kleingewachsene Frau. “Völlig fertig” war sie, eingeschüchtert von dem ständigen psychischen Druck.
Doch die Richterin bittet sie nicht zur Aussage. “Nee, nee, das ist jetzt vorbei. Die haben da drin gedealt, der kriegt ne Geldstrafe und kann gehen,” erklärt Bernd Beutner der Zeugin, während er seine Kamera mit einem Schwung über die Schulter wirft.
Sein Blick wandert den langen Flur entlang, routiniert tastet der Fotoreporter die geschlossenen schweren Holztüren ab, um jede Bewegung beim Herabdrücken einer Klinke von innen zu sehen. “Ich versuch’ mal, noch ein Bild von ihm zu kriegen, ganz ungeschoren soll er ja nicht wegkommen, oder?” fragt er in Richtung von Karin Wilmer. Die nickt gedankenverloren, ordnet ihre herausgewachsene Dauerwelle und zieht ihr Tigerprint-Shirt in Form.
Rückwärts gehend will sie wieder ihren Platz auf der Holzbank einnehmen. Ein lässig ausgestreckter Fuß eines Jugendlichen bringt sie fast zum Stolpern. “Jetzt machen sie doch mal Platz für meine Lebensgefährtin!” greift Andreas Meier ein. Wilmers Verlobter ist gerade erst eingetroffen, Frühschicht beim Reinigungstrupp. Sanft schiebt er die Prozesszeugin und Anklägerin zwischen fünf junge Männer, die sich auf der Bank breit gemacht haben. “Fabian, Tom, kommt bitte rüber zu uns!” ruft daraufhin eine Männerstimme aus Richtung der Tür des Sitzungssaals. Schwerfällig trotten die Angesprochenen los.
“Das ist mir alles zu viel”, sagt Wilmer und betrachtet unbeteiligt die Schar von vierzig Menschen, die sich zwischen ihrem Sitzplatz und der Tür befinden. Zwei Schulklassen der Realschule Sachsenweg aus Hamburg-Niendorf haben sich an diesem Morgen auf dem Weg gemacht, “um einmal ganz nah an dem dran zu sein, was man sonst nur im Fernsehen sieht”, erklärt Ingo Greif, der Lehrer der fünfzehn- bis sechzehnjährigen Schüler. “Ist halt schade jetzt, dass nix zu gucken ist, aber vielleicht gibt’s heut noch eine andere Verhandlung, in die wir rein dürfen”, murmelt Greif, während er tief ausatmend die Liste mit den weiteren Gerichtsterminen überfliegt. Gleichzeitig versucht er, seine Schüler im Auge zu behalten.
Meier tätschelt währenddessen die Schulter seiner Verlobten. Alsdann schiebt er ihr den vierjährigen Sohn Dennis an die Seite, der die letzte halbe Stunde neben einem vollen Standaschenbecher gekauert hat und müde am Strohhalm seines Kakaopäckchens nuckelt. “Was genau ist denn eigentlich passiert?” fragt Anja Weihmann. Block und Kugelschreiber werden gezückt. “Ich bin von der Bild-Zeitung und berichte über den Prozess”, erklärt die Reporterin und stellt sich auf Antwort wartend vor die Geschädigte. “Was hat er denn genau zu ihnen gesagt und wie lief alles ab? Können sie mir das erzählen?” Wilmer erhebt sich schwerfällig von ihrem Sitzplatz, sucht den Blick ihres Verlobten, der ihr aufmunternd zunickt, dabei zieht er den Bund seiner Jogginghose hoch.
Wilmer ist hier ein Opfer von vielen, die von der Einführung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) in Deutschland begünstigt werden. Seit dem 14. August 2006 ist dies in Kraft und definiert in § 3 Abs. 4 AGG endlich die Grauzone der sexuellen Belästigung. Nach gesetzlicher Auslegung ist diese ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten. Dazu gehören auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen, die bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird. Der Begriff der sexuellen Belästigung ist somit relativ konkret geregelt.
“Also, meine Reinigungsfirma hat eine große Bank als Kunden, da haben wir die Büros sauber gemacht, der Erwin war Fassadenreiniger und hat die Fenster geputzt. Um sechs sind immer die Berater nach Hause gegangen, da war ich dann ganz allein in den Büros und dann ist er immer gekommen und hat mich angemacht und gefragt, was ich nachts mit meinem Verlobten im Bett mache und immer wieder gesagt, dass ich mit ihm aufs Klo gehen soll und dass er einen sooo langen hat”, sagt Wilmer. Dabei demonstriert sie das Beschriebene mit ihren auseinander gehaltenen Händen. “Jeden Tag hat er mich gedrängt, auch auf dem Weg zur U-Bahn nach Feierabend, obwohl er meinen Verlobten ja kannte, aber der Erwin macht auch schon Sechzehnjährige an, sagt, sie sollen die Bluse ausziehen und so.” Wilmer schaut zur Reporterin und zu den anderen drei Journalisten, die eifrig die Aussagen mitschreiben und interessiert nicken.
Zwar sollte die Verhandlung vor einer Richterin stattfinden, jetzt wird dem Angeklagten eben auf dem Flur der Prozess gemacht. “Ins Materiallager im Keller hab ich mich allein schon gar nicht mehr getraut, da hätte ja keiner was mitgekriegt.” Das Reden scheint der 39-Jährigen gut zu tun, bereitwillig erzählt sie, antwortet auf die gestellten Fragen, zündet sich eine Zigarette an und ignoriert die lärmende Schülerschar, die immer noch darauf wartet, in den Sitzungssaal hinein zu dürfen. Sie steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Endlich kann Wilmer sich die Ereignisse von der Seele reden, vor einer teilnehmend nickenden Zuhörerschaft.
“Wenn ich den in die Finger gekriegt hätte, dann wär’ ich mit dem an die Alster gegangen und da wär’ der nicht mehr raus gekommen, das Schwein.” Bekräftigend zieht der Verlobte an seiner Zigarette. “Hier vor der Richterin oder zu Hause, ja da spielt er den treuen Ehemann, aber dann meine Frau auf Arbeit belästigen, das ist doch das Letzte!” Respektvoll betrachtet Karin Wilmer ihren Verlobten, “ich bin so froh, dass er mir glaubt, denn der Erwin hat immer gedroht, den Spieß umzudrehen”, sagt Wilmer.
Ihre letzten Worte gehen im Tumult unter, die Schulklassen bekommen doch noch ein bisschen Fernsehatmosphäre mit. Innerhalb von wenigen Augenblicken reagiert der Fotograf, löst sich aus der Zuhörerschaft um die Zeugin und rennt mit Blitzlichtgewitter zum Ende des Gangs, wo eine Tür gerade zufällt und zwei Gestalten in Richtung Ausgang eilen. Von hinten sind die blonden Haare der gegnerischen Anwältin zu erkennen und eine kleine Gestalt, die sich eine kurze blaue Daunenjacke über den Kopf zieht, die Arme schützend vor dem Gesicht gekreuzt. “Schnell!” ruft die Bild-Reporterin ihrem fotografierenden Kollegen hinterher, ihr Ausruf hallt den langen Flur entlang.
Die aufgeregten Schüler drängen sich, um einen Blick auf den Angeklagten zu erhaschen, doch niemand kann ihn erkennen. “Wie, war er das jetzt?” Wilmer blickt unsicher zu den Journalisten. “Ja, ja, das machen sie öfter, dass die Angeklagten zum Hinterausgang rausgehen dürfen, gerade, wenn vor einem Saal so viel Öffentlichkeit ist, wie hier,” sagt ein Reporter vom Hamburger Abendblatt. Eilig zückt er sein Handy, die neusten Entwicklungen wollen der Redaktion mitgeteilt werden. Die Schüler trotten gemeinsam den Gang entlang, auf der Suche nach einem neuen Fall, der öffentlich verhandelt wird.
Der Flur wird still, Wilmer setzt sich zurück auf ihre Bank, die Füße dicht nebeneinander gestellt, die Arme umfassen ihre schwarze Nylonjacke, die sie ausgezogen hat. Die Journalisten bewerten das Geschehene, vergleichen mit zurückliegenden Fällen und werfen sich Bruchstücke amüsanter Anekdoten zu. Sie haben schon viel erlebt. “Kann ich dann jetzt gehen oder passiert noch was?” Wilmers Stimme lässt die Unterhaltung der Reporter verstummen. Flugs wandert die Aufmerksamkeit zu ihr zurück.
Statt einer Antwort öffnet sich die Tür des gegenüberliegenden Raums und Richterin Paul ruft die Zeugin hinein. “Werte Presse, zu ihrer Information: Aufgrund der großen Anzahl von Prozesszuschauern habe ich beschlossen, den Angeklagten vor der öffentlichen Missbilligung zu schützen und die Verhandlung im kleinen Kreis stattfinden lassen. Das haben sie aber sicher schon gemerkt.” Lächelt und schließt die Tür. Keine Chance für Journalistenfragen.
Wenige Minuten später steht Wilmer schon wieder vor ihrem Auditorium: “Die Richterin hat mit ihm geredet, er hat gesagt, dass alles nicht so gemeint und die Sache schnell hinter sich bringen will und nix mehr damit zu tun haben will.” Wilmers Wangen sind gerötet, sie hat ihre Jacke wieder angezogen. Fest greift sie die Hand ihres Sohnes. “Er hat eine Geldstrafe bekommen und wenn er die schnell bezahlt, dann kommt er so davon”, sagt die Zeugin. Die Starre ist zu ihr zurückgekehrt. Sie sucht den Blick ihres Verlobten. “Hauptsache, es ist nicht zu wenig!” meint dieser. “Es soll ihm richtig wehtun, jetzt, wo er auch noch arbeitslos ist.”
Meier drückt seine Zigarettenkippe in den Aschenbecher. “Wahrscheinlich sind seine sechsundzwanzig Zentimeter jetzt auf drei eingelaufen!” sagt der Verlobte. Seine Frau schiebt er in Richtung Ausgang, vorbei an streifenlos geputzten Fenstern.
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