Fastenklinik
Kampf den Gelüsten
Von Annett Altvater am 7. Dezember 2007 um 09:00 Uhr Kommentare (0)
Kategorien: Ich, Zeit
In der Buchinger Fastenklinik zahlt man viel und isst fast nichts. Ein Erfahrungsbericht.

Fasten, um Gewicht zu verlieren - aber nicht nur (Foto: Keystone / Ron Edmonds)
Presse-Reisen sind gratis. Und einem geschenkten Gaul guckt frau - undsoweiter. Doch wer denkt, so eine Reise sei pures Vergnügen, der täuscht sich. Das Programm beginnt meistens um 7 Uhr morgens, ist gedrängt und überladen, so dass ich häufig kaum mehr die einzelnen Stationen des Tages unterscheiden kann. Aber die Erfahrungen sind bisweilen einzigartig, weil man sich in Welten bewegen kann, an die man im wirklichen Leben noch keinen Gedanken verschwendet hat. Zum Beispiel in einer Fastenklinik.
Natürlich glaube ich an den Sinn des Fastens. Doch ich habe nach nur einem Tag abgebrochen, weil es Hühnchen in Sahne gab, und vom Glaubersalz wurde mir speiübel, und überhaupt: Bin ich etwa zu dick? Oder krank? Auf die Idee, in eine Klinik zu gehen, wo man - natürlich ohne Mahlzeiten - 2660 Euro fürs allereinfachste Zimmerlein abdrückt, wäre ich nicht gekommen.
Internationales Abnehmen
Aber es gibt genug Leute, die das anders sehen: Die Buchinger Fastenklinik in Überlingen am Bodensee wird gebucht wie verrückt.
Gut betuchte Amerikaner essen gemeinsam mit Arabern, Engländern, Deutschen und Schweizern - nichts. Es ist ihr Persilschein, um im restlichen Jahr ungesund, schnell, unausgewogen und fettig zu leben und zu essen. Andere mümmeln sich schlank, indem sie die kalorienreduzierten Menüs verputzen, die Hubert Hohler und sein Team kredenzen. In diesen Genuss kam auch das kleine Journalistengrüppchen, das in der Fastenklinik übernachtete (und jetzt weiss, dass jedes Bad mit einem Klistier ausgestattet ist).
Sechs Medienleute setzten sich an den Tisch, der mit weissen Tellern und Tassen gedeckt war. Keine Weingläser. Die Kellnerin bot Kräutertee an, wir schauten uns an, seufzten und tranken. Das stille Wasser mit ganz wenigen Blasen, sicher sehr magenfreundlich, war schlimmer. “Wie eingeschlafene Füsse”, fand eine. Ein guter Vorgeschmack aufs Essen, wobei ich da nur für mich sprechen kann. Aber eingelegtes Gemüse ohne Öl, eine Sauce ohne Fett und Vollkornravioli mit kaum gesalzenem Spinat machen vielleicht schlank und satt, aber keine Freude. Selbst dann, wenn alles von ökologisch und biologisch einwandfreier Qualität ist. Das Grüppchen zog die Augenbrauen hoch, nur dem Hardcore-Vegetarier unter uns war so etwas wie Genuss anzumerken.
Heimliches Fressen
Unser Trost waren das famose Dessert aus quarkigem Milchreis mit Zitronenmelisse und Zwetschgen und der kühle Weisswein, den der Koch an unseren Tisch brachte. “Ausnahmsweise, es darf nur niemand sehen”, sagte er. Denn die Insassen der Fastenklinik haben es nicht leicht. Ständig müssen sie gegen die Verführungen der Welt ankämpfen. Und verlieren dabei häufig: Wie aus gut unterrichteter Quelle zu vernehmen ist, kennt Überlingen seine Pappenheimer: Tortenberge und Sahnedeckel, die die Fastenden in Konditoreien ihres Vertrauens in sich hineinschaufeln, überführen die entwöhnten Buchinger-Kandidaten, verrät eine Einheimische.
Das erweckt den Anschein, dass es jenen, die fasten, nicht schlecht genug geht. Schliesslich hat Otto Buchinger anno dazumal das Fasten entdeckt, weil er sein entzündliches Gelenkrheuma anders nicht in den Griff bekam. Antibiotika gabs noch nicht. Die Methode wurde zum Geschäft. Seine Nachkommen leben nicht schlecht davon, einen Heiligenschein tragen sie aber ebenso wenig wie ihre Gäste, sagt die Einheimische. Der Leiter der Klinik jedenfalls wisse eine grosse Zigarre und gute Restaurants durchaus zu schätzen. Das ist natürlich purer Klatsch.
Vorheriger / nächster Artikel
|
<< “Jungsheft” Braucht es Softporno für Frauen? |
Kinderkriegen Altes Mütterchen >> |
