Waffenpflicht in der Schweiz
Kanonen im Putzschrank

Von Annett Altvater am 5. Dezember 2007 um 14:04 Uhr Kommentare (4)
Kategorien: Macht

Nach einem Tötungsdelikt mit einer Armeewaffe wird in der Schweiz wieder hitzig über die Waffenpflicht diskutiert. Die Argumente der Waffen-Befürworter zeigen, dass sie keine haben. Und die Gegner des Waffenzwangs sind längst nicht nur weiblich.

Schweizer Wehrpflicht Sturmgewehr im Putzschrank
Gefährliche Waffenkammer (Foto: Keystone / Martin Ruetschi)

Am 23. November hat der 21-jährige Soldat Luis W. in Zürich Höngg die 16-jährige Francesca mit seiner Armeewaffe erschossen. Der Täter kannte sein Opfer nicht, sein Motiv ist bislang unklar. Jetzt stellt sich die Frage: Was haben Armeewaffen überhaupt in hundertausenden von Haushalten zu suchen? Gesetz und Geschichte liefern Antworten.

Die Schweiz hat keine Armee, sie ist die Armee. Nämlich eine Milizarmee, das heißt auf die allgemeine Wehrpflicht folgt anschließendes Pflicht-Reservistentum.

Jeder Schweizer muss im Bedrohungsfall umgehend vom Zivilisten zum Soldaten werden; die schussbereite Waffe, die jeder bei sich zu Hause aufbewahrt, symbolisiert diese Wehrbereitschaft. Auf sieben Millionen Einwohner zählt man 2,2 Millionen Waffen. Davon sind über zwei Drittel Armeegewehre oder -Pistolen.

Die allgemeine Wehrpflicht dauert in der Schweiz lang: 18 bis 21 Wochen sind die Rekruten mit der Grundausbildung beschäftigt, anschließend müssen Soldaten einmal alle paar Jahre während drei Wochen in den so genannten Wiederholungskurs, bis sie 34 Jahre alt sind. Je nach Dienstgrad liegt die Altersgrenze für die Wehrpflicht bei 50 Jahren.

“Andenken” an die Militärzeit

Danach darf man die Waffe behalten, wenn mit Schießübungen Interesse für das “außerdienstliche Schießwesen” bekundet wird. Sturmgewehr und Pistole können der Armee nach der Dienstpflicht abgekauft werden: für umgerechnet 60 beziehungsweise 18 Euro. Dafür muss der Soldat eine Selbstdeklaration ausfüllen, in der er unter anderem versichert, dass er ein unbescholtener Bürger ist (nachprüfbar) und dass er niemanden mit der Waffe gefährdet (bis zum Beweis des Gegenteils).

Mittlerweile darf die Taschenmunition, wie die verschweißte Blechschachtel mit 24 bis 50 Patronen genannt wird, nur noch in Ausnahmefällen an Armeeangehörige abgegeben werden. Das dürfte den Hobbyschützen kaum gefallen: Der Schweizer Schießsportverband ist mit 190′000 Mitgliedern eine echte politische Größe. Vom Bund erhalten die 3000 Schützenvereine jährlich 8,5 Millionen Franken (5,1 Millionen Euro). Damit ist auch die Munition gezahlt, die beim obligatorischen Schießen der Reservisten verfeuert wird.

Lobby im Schiesstand

Die Schützenvereine sind auf die jährliche Schießübung angewiesen, denn Nachwuchs fehlt und die Zahl der Pflichtschützen nimmt rasant ab. So wird es immer schwieriger, die Schießplätze rentabel zu betreiben. Das geht eigentlich nur, solange die Waffe einen festen Platz im Schweizer Haushalt hat. Und auch als folkloristischer Rettungsanker dient die Waffe daheim: Sie stützt den Mythos einer wehrhaften Schweiz.

Werner Gartenmann, Geschäftsführer der “Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz” protestiert mit der Aktion “Notwehr jetzt” gegen das Munitionsverbot: “Die Taschenmunition ist für mich ein Symbol. Sie zeigt mir, dass das Volk immer noch der Souverän ist”, sagt Gartenmann.

Frauen gegen Armeewaffen im Haushalt

Er widersetzt sich der Pflichtabgabe der Taschenmunition und vermutet, dass die Verwehrung der Munition der erste Schritt zum Waffenverbot ist - nicht ganz zu Unrecht. Denn der Mord von Höngg hat die Diskussion um die Armeewaffe neu entfacht. Kürzlich musste sich Gartenmann von der Sozialdemokratin Anita Fetz in der Sendung 10 vor 10 des Schweizer Fernsehens anhören, dass es offensichtlich nicht reiche, die Munition einzubehalten (stimmt, die kann sich jeder zusammenklauen, wie das Beispiel Höngg zeigt). Das Gewehr gehöre ebenfalls ins Zeughaus.

Dieser Meinung sind viele Frauen, was nicht überraschend ist, denn in der Regel sind sie die Opfer von bewaffneter Gewalt und von Drohungen, das Gewehr bei ungebührlichem Verhalten zu gebrauchen.

Zum Sprachrohr der Frauen hatte sich die Zürcher Modezeitschrift “Annabelle” im vergangenen Jahr gemacht. Ihre Kampagne gegen die Waffe im Haus löste zwar ein grosses Echo aus, blieb aber politisch folgenlos. Das könnte sich jetzt, nach dem Mord von Höngg, ändern.

In der Debatte braucht die sozialdemokratische Parlamentarierin Anita Fetz ein wichtiges Argument, sie sprach von der Zwangsbewaffnung. Das ist deshalb so treffend, weil es auch viele Männer gibt, die es völlig unangebracht finden, ihr Gewehr bei sich unterm Bett oder im Kleiderschrank zu deponieren und die froh wären, das Ding los zu sein.

Nein danke!

Entsprechend sinkt die Zahl jener, die nach der Wehrpflicht ihre Armeewaffe in ihren persönlichen Besitz überführen. Im Kanton Baselland waren es vor einigen Jahren 40 Prozent, in diesem Jahr sind es noch 30 Prozent. Sollte das Volk über die Waffenpflicht abstimmen müssen, die Befürworter müssten sich warm anziehen: Nach einer Umfrage der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) sind 53 Prozent der Schweizer gegen das Sturmgewehr im Schrank.

Die Wehrhaftigkeit hat in der Schweiz eine lange Tradition. Die Söhne armer Alpbauern verdingten sich jahrhundertelang als Söldner, auf einem Schutz- und Trutzbündnis beruht der Gründungsmythos, und bis ins 19. Jahrhundert hinein war ein Mann ohne eigene Waffe nicht ehetauglich. 1892, in einer akuten Bedrohungssituation, beschloss die Regierung, den gewehrtragenden Mannschaften der Infanteriebataillone Taschenmunition mit nach Hause zu geben.

Allzeit bereit

Das verlor sich einige Jahre später wieder, als sich die Bedrohungssituation wieder beruhigte. Und ausserdem, weil es zu viele Suizid- und Verbrechensfälle gab, wie der Historiker und sozialdemokratische Nationalrat Peter Hug sagt. Während des Zweiten Weltkriegs hatte jeder Armeeangehörige aus Angst vor einem deutschen Überfall seine Waffe zu Hause.

In den Zeiten des Kalten Krieges blieb man gewappnet gegen die sowjetischen Kommunisten. Stets auf alle Gefahren vorbereitet - davon zeugen auch die Luftschutzkeller, die jeder Schweizer und jede Schweizerin bis vor einem Jahr in Neubauten integrieren musste und in denen heute vielfach Wein und auch manche Armeewaffe lagert.



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4 Kommentare

martin

der artikel fasst die ganze problematik und die geschehnisse der letzten tage sehr gut zusammen!

da ich die rs am gleichen tag abgeschlossen habe, wie jener soldat, hat mich der vorfall umso mehr erschüttert. kurz zuvor war ich noch froh, dass ich wenigstens keine taschenmunition mehr nach hause nehmen musste.

ich hoffe sehr, dass da auf politischer eben bald überlegte, sinnvolle entscheide getroffen werden, die das risiko mindern. mir wäre es mehr als recht, das ganze gewehr abgeben zu können. diese ansicht wird auch von vielen (allen?) meiner kameraden aus dem militär getragen - die unterstützung der waffenlobby bröckelt langsam aber sicher definitiv.

wenn nicht das ganze sturmgewehr abgegeben werden kann, dann wenigstens als kompromiss der verschluss. ohne diesen kann mit der waffe nicht geschossen werden. das obligatorische könnte damit auch weiterhin durchgeführt werden - mit leihverschlüssen. dann fällt das argument der befürworter, dass jede waffe anders sei und diese quasi auf den besitzer eingestellt sei, auch weg. am verschluss lässt sich nichts einstellen!

betreffend dienstdauer: ein soldat leistet eine 21- oder 18-wöchige rs (wie im text) sowie 6 wks (respektive 7) - nicht etwa zwingend bis 34 (zum glück!).


Hans Huber

Das obligatorische Schiessen… Ist ja eh nur eine Heimatschutz-Alibi-Veranstaltung zur Finanzierung von Schützenvereinen.

Weg damit!


Annett Altvater

…was einmal mehr beweist, dass nicht nur Frauen froh wären, wenn die Armeewaffe nicht mehr im heimischen Keller rumsteht. Und gleichzeitig, dass die Diskussion um Armee, obligatorisches Schiessen, Waffenbesitz, Munition usw. noch lange nicht abgeschlossen ist.
Ich bin wirklich gespannt, was sich in diesem Bereich in den nächsten Jahren alles ändern wird. Ich glaub nämlich dran, dass da Veränderungen gewollt und möglich sind.
Wer zum Beispiel kann die Diskussion um eine terroristische Bedrohung, die Waffen-Befürworter ins Feld führen, ernst nehmen? (Wahrscheinlich mehr, als ich wissen will…) Wie hanebüchen ist das, wenn paranoide Bürger sich diffus bedroht fühlen und mal prophylaktisch zur Verteidigungswaffe greifen?


Nathalie Sassine

In meinen Augen resümiert sich alles auf “Boys and their Toys”, wenn gewisse Feuerwaffen-schwingende Bünzlis sich so an ihrem “Wir-müssen-unser-Land-verteidigen”-Argument festhalten müssen. Wie kleine Kinder wollen sie es partout nicht zulassen, dass man ihnen ihr Spielzeug wegnimmt. Oder wie mein Dreijähriger zu sagen pflegt “Das isch miiis!”

Bin erleichtert zu lesen, dass es nicht allen Boys so geht.


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