Lebenszeichen von Ingrid Betancourt
Im Dschungel verschwunden
Von Ruth Bossart am 4. Dezember 2007 um 08:55 Uhr Kommentare (1)
Kategorien: Macht
Sie wollte Präsidentin von Kolumbien werden. Stattdessen wurde die grüne Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt von linksgerichteten Guerillas entführt. Seit 2002 ist sie im Dschungel verschwunden. Vor wenigen Tagen sind erstmals seit vier Jahren Lebenszeichen der Politikerin aufgetaucht. Wer ist diese zähe Frau mit dem französischen Namen?

Geisel Ingrid Betancourt an einem unbekannten Ort (Foto: Keystone)
Ingrid Betancourt hatte eine Vision: Sie wollte ihr Land von der allgegenwärtigen Korruption befreien. Sie scheute sich nicht, als Parlamentsabgeordnete den damaligen Präsidenten Ernesto Samper anzugreifen, ihm vorzuwerfen, er sei in Morde verwickelt. Auch korrupte Parlamentarier nannte sie beim Namen. Das war Mitte der Neunziger Jahre. Ingrid Betancourt amtete als grüne Abgeordnete zuerst im Repräsentantenhaus, später im Senat.
Die Politikerin hatte sich mit ihrer direkten Art viele Feinde geschaffen - im linken und rechten Lager. Sie erhielt Drohbriefe, ein Foto mit einer zerstückelten Kinderleiche, überlebte ein Attentat nur dank glücklichen Umständen.
Nach einem knappen Jahr im Exil in Neuseeland kehrte sie mit ihrem Partner nach Kolumbien zurück. Fortan wurde sie rund um die Uhr von Bodyguards beschützt. Am 23. Februar 2002 kidnappten linksgerichtete FARC- Rebellen Betancourt und ihre Wahlkampfleiterin, Clara Rojas, als sie durch das Land tourten. Seither sind die beiden Frauen im Dschungel verschwunden.
Ingrid Betancourt, die französisch-kolumbianische Doppelbürgerin, lebt seither unter primitivsten Verhältnissen. In einem an ihre Mutter gerichteten Brief schreibt sie, jeder Tag sei die gleiche Hölle wie der vorhergehende. Ihr erscheine der Tod als einzige Lösung, diesen Qualen zu entfliehen. Der Brief gehört zum Material, dass kürzlich in Bogota bei einer Militärrazzia sichergestellt worden war. Darunter befand sich auch ein Video Betancourts, das sie apathisch und völlig abgemagert zeigt. Diese Dokumente sind die ersten Lebenszeichen seit vier Jahren.
Ingrid Betancourt ist Mitbegründerin der Grünen Partei Kolumbiens, Oxigeno Verde und war deren Vorsitzende. Politisieren wurde ihr in die Wiege gelegt. Ihr Vater amtete als UNESCO-Gesandter in Paris und war später Bildungsminister. Betancourt, 1961 in Bogota geboren, wuchs als Diplomatenkind an der Seine auf. Später studierte sie am prestigeträchtigen Institut d’études politiques Politikwissenschaft. Sie war bis 1990 mit dem Franzosen Fabrice Delloye verheiratet. Mit ihm hat sie zwei Kinder, einen Jungen und ein Mädchen.
Ihr heutiger Mann ist ein politischer Weggefährte. Juan-Carlos Lecompte ist ebenfalls Gründungsmitglied der Grünen Partei Kolumbiens, der Oxigeno Verde. Er nahm an ihrer Stelle 2002 den Petra-Kelly-Preis der Heinrich-Böll-Stiftung entgegen.
In die Verhandlungen über eine Freilassung sind zahlreiche Länder involviert, darunter auch Frankreich und die Schweiz. Die Vermittlungsbemühungen von Hugo Chavez, dem venezolanischen Präsidenten, sind kürzlich gescheitert. Kolumbiens rechtsgerichteter Präsident Alvaro Uribe entzog Chavez kürzlich das Mandat. Er biete Terroristen eine Bühne zur Selbstdarstellung. Seither herrscht Funkstille zwischen den beiden Ländern.
Hilfskomitee für Ingrid Betancourt (französisch)
Reportage über Ingrid Betancourt in brigitte 2001
Weblog mit Neuigkeiten zu Ingrid Betancourt
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Ein Kommentar
Wer die Appelle von Tochter und Sohn der Ingrid Betancourt im Tele gesehen hat, bekam eine Ahnung, dass ihre Hölle auch noch einen weiteren Radius zieht. Hoffen auf ein Wunder, ist da gewiss die mögliche Chance. Und natürlich auch, dass Ingrid Betancourt doch noch nicht zerbrochen ist.

Dorothee Vohl
schrieb am 4. Dezember 2007, 09:18 Uhr (Permalink zum Kommentar)