Hospitalityclubs:
Die Gastfreundschaft
ist garantiert - meistens…
Von Annett Altvater am 1. Dezember 2007 um 11:02 Uhr Kommentare (3)
Kategorien: Sein
Dank Hospitalityclubs findet man auf der ganzen Welt neue Freunde. Plus stinkende Bäder, speckige Tischdecken, kranke Kinder und das Ende der Welt. Alleinreisende Frauen haben gute Chancen bei alleinstehenden Männern. Die sollten sie aber nicht nutzen…

Kalte Küche bei Roman (Mitte) und seiner Familie: Die Hausfrau hält die Fernbedienung, daneben guckt grimmig die Schwester. Ich bin links im Bild (mit warmem Fleece-Pullover) (Bild:Arne Schölhorn).
Nur noch wenige Meter trennen das Herzblatt und mich von unserer Unterkunft. Doch wir sitzen in der Falle: 50 Meter vor uns nicht angeleinte, bellende Hunde. Grosse Hunde. Hinter uns eine Pfütze, die den Sandweg überflutet und nur einen matschigen Seitenstreifen begehbar macht. Um uns herum ist es so dunkel wie in deutschen Städten während der Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Wir sind in Rumänien, 15 Kilometer nördlich von Bukarest, kurz vor dem Haus unserer Gastgeber:
Nach einem Tag in der Stadt sind wir zu früh aus dem Bus ausgestiegen, zwei Kilometer durch die Nacht gestiefelt, haben uns anhupen lassen und endlich unsere Unterkunft gefunden, nur um ängstlich darauf zu hoffen, dass Roman uns rettet.
Roman ist ein freundlicher Rumäne, der seiner Familie ausserhalb der Stadt ein Haus gebaut hat. Er hat uns eingeladen - zu sich heim. Leider wohnt er nicht nur am Ende der Welt und hat ein Rudel Hunde als Nachbarn, sondern es fehlt auch das Geld, um das Haus zu heizen.
Das Wetter ist mies, die beiden Kleinkinder sind krank, das Badezimmer riecht nach Abfluss, und wenn wir Hunger haben, essen wir unsere mitgebrachten Cornflakes.
Kalter Empfang
Dank Hospitalityclub.org kann jeder solche Orte kennen lernen: Man hinterlässt ein Profil auf der Webseite, bietet selbst ein Plätzchen an (oder auch nicht) und sucht potenzielle Gastgeber. Alleinreisende Frauen haben übrigens gute Chancen bei allein wohnenden Männern. Die sollten sie aber nicht nutzen. Viele Machos meinen, der Hospitalityclub sei eine Dating-Plattform.
Als das Herzblatt und ich kurz vor Bukarest waren, schlug ich Roman vor, ihn und seine Frau zum Essen einzuladen. Die Antwort kam postwendend: “Wann kommt euer Zug an? Ich hol euch ab, ihr übernachtet bei uns.” Sei ehrlich: Würdest du fremde Menschen zu dir einladen, nachdem du in der vorangegangenen Nacht mit deinem Kind im Krankenhaus und in der Notaufnahme warst? Die hustenden Kinder lernten wir also ebenso kennen wie Romans gelangweilte Hausfrau, ihre mopsige Schwester und einen Dauergast, dessen Namen wir nicht erfahren haben.
Die ruppige Gastfreundschaft dieser rumänischen Familie ging so: Morgens bat ich um Tee, dann assen wir die Cornflakes, die ich prophylaktisch eingekauft hatte. Falls es was gäbe, das wir nicht mögen. Es gab dann aber gar nichts. Tagsüber hat Madame vor allem ferngesehen und mit der Nachbarin gequatscht. Wären wir nicht da gewesen, es wäre nicht aufgefallen.
Abends hockten wir mit den beiden Eltern bei Bier aus Plastik-Literflaschen am Küchentisch, die Ellenbogen auf dem Wachstischtuch. Soweit es ging, unterhielten wir uns - der Küchen-Fernseher lief ununterbrochen und beanspruchte den grössten Teil der Aufmerksamkeit.
Auch in der Türkei nahmen wir wieder Kontakt mit Einheimischen auf. Nach dem gleichen Muster: Suchen tolles Essen und nette Unterhaltung, bieten Übernahme der Rechnung.
Döner und mehr
In Istanbul trafen wir ein Pärchen, das uns an zwei Abenden das beste Essen unseres Türkei-Aufenthalts bescherte und mit denen wir stundenlang über Evolutionstheorie (sie waren glühende Anhänger), Back-Gammon (er ist türkischer Meister) sowie Fundamentalismus (beide entschiedene Gegner) redeten und aus einem A capella-Konzert flüchteten.
Wir durften sogar einen Teil der Rechnung übernehmen. In Antalya führte uns Nalan in ihr liebstes Döner-Restaurant. Wir waren ihre ersten Gäste, sie aufgeregt und fürchterlich liebenswürdig. Überaufmerksam. Der Streit um die Rechnung nahm kein Ende, die zurückhaltende Nalan kämpfte wie eine Löwin um die Rechnung und mit den Tränen. Wir liessen ihr die Ehre, versöhnten sie anschliessend bei einem Schluck Wein und überzeugten sie davon, dass wir den Weg in unser drei Strassen entferntes Hotel allein finden.
Übrigens: rate mal, wer uns bald besuchen kommt: Nicht die Türken (Skandal: Sie wollten, aber die EU hat sie nicht hereingelassen!), sondern Roman und Familie.
Freundinnen und mehr finden:
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3 Kommentare
Evolutionstheorie (sie waren glühende Anhänger)
Fundamentalismus (beide entschiedene Gegner)
Och, wie laufend Paradox die Welt doch ist :D
kerstin
schrieb am 5. Dezember 2007, 20:26 Uhr (Permalink zum Kommentar)auf die fortsetzung freu ich mich… empfang von roman!
Annett Altvater
schrieb am 6. Dezember 2007, 11:22 Uhr (Permalink zum Kommentar)Ich mich auch, ganz ehrlich!

Lila
schrieb am 1. Dezember 2007, 12:11 Uhr (Permalink zum Kommentar)